Wie lange können wir uns noch „Geiz ist geil“ leisten?

Für Vereine wird es immer schwieriger, engagierte Jugendtrainer zu finden. Hat das Modell ehrenamtlicher Vereinstrainer ausgedient? Und was könnte es ersetzen?

Wie viel verdient ein Jugendtrainer? Oder die bessere Frage: Wie viel bekommt er? Die meisten Jugendtrainer in Deutschland arbeiten für eine kleine Aufwandsentschädigung oder gänzlich ehrenamtlich. Würde man die Summen den tatsächlich geleisteten Stunden gegenüberstellen, wäre man vom Mindestlohn Lichtjahre entfernt.

Trotzdem erwarten wir von ihnen, dass sie Lizenzen erwerben, dass sie Fortbildungen besuchen, dass sie sich Medien anschaffen, um ihr Know-how zu erweitern, dass sie viele Stunden zusätzlich damit verbringen (lesen, lernen, hospitieren, reflektieren), sich selbst weiterzuentwickeln, um unserem Nachwuchs ein ansprechendes Training auf möglichst hohem Niveau bieten zu können.

Doch selbst wenn wir diesen Anspruch ausblenden, finden sich immer weniger Menschen, die bereit sind, nach ihrer regulären Arbeitszeit, in ihrer Freizeit, das Training und die Verantwortung für eine Jugendmannschaft zu übernehmen. Alles nur Egoisten, könnte man einwerfen. Aber selbst wenn: Das ist unser gesellschaftlicher Wandel, das ist Realität. Es ist nicht davon auszugehen, dass die Vereinsidylle, wie sie von vielen älteren Vereinsmitgliedern und -verantwortlichen noch erinnert wird, eine Wiedergeburt erfährt. Im Gegenteil, in Zukunft werden immer mehr Vereine zuerst daran scheitern, dass sie keine Mitarbeiter (von Trainern bis hin zu Vorstandsmitgliedern) mehr haben – erst in der Folge dessen kein attraktives Angebot und letztlich keine Mitglieder mehr. Beispiele dafür gibt es bereits vielerorts.

Die alten Ansätze greifen nur noch selten. Etwas zurückgeben, was man selbst erfahren hat. Aus Freude an der Gemeinschaft. Für die geliebte Sportart. Für junge oder einfach andere Menschen.

Aber was dann? Eine provokante Antwort: Möglicherweise liegt der Weg in die Zukunft in der Professionalisierung unseres Sports und unserer Vereinsstrukturen. Der Verein als Dienstleister und seine Mitglieder als Kunden. Dazu gehört auch eine entsprechende Entlohnung der Jugendtrainer und damit verbunden vielleicht sogar das Schaffen eines Berufsbilds: der professionelle Kinder- und Jugendtrainer.

Die Vorteile? Von jemandem, der damit sein Geld verdienen will, kann man eine Qualifizierung erwarten – im Umfang und Inhalt einer Berufsausbildung oder eines Studiums, mit dem Anspruch einer regelmäßigen Weiterbildung. Darauf aufbauend kann ein solcher Trainer ein qualitativ hochwertiges Angebot realisieren, das sowohl für Kids als auch ihre Eltern attraktiv ist. So jemand steht zur Verfügung, wenn Kinder und Jugendliche Zeiträume für Sport haben: im Ganztagsangebot der Schulen, in den Nachmittagsstunden des Vereins.

Spinnerei? Bei uns in Deutschland nicht denkbar? In etwas anderer Form existieren solche Dienstleister im Handball bereits und finden Gegenliebe, inklusive eines Einkommens: die professionellen Anbieter von Handball-Camps. Seien es namhafte Trainer oder Teams, die sich zu kleinen Unternehmen formiert haben, die ihre Leistungen quer durch das Land vor Ort anbieten oder die besonders in den Ferien aktiv sind.

Also vielleicht doch nicht so abwegig, die Idee. Der professionelle Jugendtrainer. Dazu wären jedoch noch weitreichendere Veränderungen in den Vereinsstrukturen nötig – und irgendwo muss auch das Geld für solche Mitarbeiter herkommen. Dazu an anderer Stelle dann mehr.

6 Gedanken zu „Wie lange können wir uns noch „Geiz ist geil“ leisten?

  1. Hinnerk Antworten

    Vicky, ich teile Deinen Ansatz, allerdings stellt sich mir die Frage, ob es wirklich immer nur an der Entlohnung liegt. Einzelne sind sicherlich bereit, diesen Weg einzuschlagen, wenn es eine finanzeille Basis gibt. Allerdings gibt es ja auch im finanziell lukrativeren Aktivenbereich große Probleme, überhaupt Trainer zu finden.
    Das Thema Egoismus spielt meiner Meinung nach eine immer größere Rolle. Hier könnte ein Ansatz sein, die Kidner und Jugendlich schon früh zu motivieren, sich selbst zu engagieren. Dies ist bei zunehmender Belastung durch Schule und hier insbesondere der Ganztagsschule allerdings auch sehr eingegrenzt möglich.
    Nicht nur die Fokussierung auf sich selbst in weiten Teilen der Gesellschaft, sondern vor allem auch die Ausweitung der schulischen Anforderungen spielen meiner Meinung eine große Rolle, warum Kinder und Jugendliche viel weniger engagiert sind und somit auch im Erwachsenenalter nicht vermehrt in diese Rolle hineinwachsen.

  2. Torsten Antworten

    Hi ,
    ich verstehe/teile viel des bisher gesagt/geschriebenen und bin mir auch sicher das es noch wesentlich mehr Ansätze zu diskutieren gibt ( worauf sich unter anderem auch Handballdeutschland freuen kann ) .
    Ich würde aber aus meiner beruflichen Erfahrung und Sichtweise und meinem eigenen Erlebnissen aus fast 40 Jahren Handball , noch einen Schritt weiter gehen . Profis bzw. Hauptamtliche Trainer in Vereinen die sich verstärkt um Jugendarbeit oder auch erweitert Jugendintegration kümmern , sollten staatlich gefördert und von Profivereinen also alles ab 2.Bundesliga teilweise mitfinanziert werden . Dabei denke ich zB an das gesellschaftliche Interesse grundlegende Werte zu vermitteln und die gesundheitlichen Vorraussetzungen für 30-40 Jahre Berufsleben zu schaffen . Wenn man es also sehr krass formuliert und extrem darstellt , führen uns das Verschwinden der jugendorientierten Vereine , langfristig in Berufsunfähigkeit , Arbeitslosigkeit , Kriminalität etc. .
    Also eigentlich Dinge die neben der Familie auch Staatsangelegenheit/Krankenkassenangelegenheit sein sollten , damit zB Sportbefreiungen auf Grund Übergewicht oder Bewegungslegasthenie in Schule , Abitur oder Berufsausbildung nicht zum Alltag werden . Herzkranke 40 Jährige oder 50 Jährige mit extremen Beschwerden im Stütz und Bewegungsapparat , Bandscheibenvorfällen oder Schlaganfällen , wären dann keine Seltenheit mehr .

  3. Joe aus Pium Antworten

    Ein guter Ansatz und wünschenswert, aber in der Realität so zumindest jetzt noch nicht umsetzbar.
    Der Qualifizierte Trainer müsste mehrere Team und Aufgaben wie OGS und Schule AG abdecken. In der Woche gut zu realisieren. In Zeiten wo Hallenzeiten knapp werden auch sehr gut. So könnte direkt nach der Schule trainiert werden, oder wie in den Highschools schon morgens im Schultern. Am Wochenende müssten die Saisonspiele und die Schlüssel zur Spielansetzung geändert werden. Nur so könnte der besser bezahlte Trainer effektiv sein Amt ausüben.
    Selber Spielen und auch noch trainieren fällt meiner Meinung dann weg.

  4. Sven Antworten

    Die Entwicklung unseres Bildungssystems zu mehr und mehr Ganztagesunterricht führt neben der schwindenden Freizeit auch zu einer Konzentration der Trainingszeiten in den “Feierabend” nach 16 Uhr – wobei die qualifizierten und engagierten Betreuer auch für die Jüngsten erst ab 17-18 Uhr oder (bei z.B. Schichtarbeit) nicht jede Woche zur Verfügung stehen.

    Mit der Hallenzeit wird es dann auch immer knapper…

    Der Ansatz des vollberuflichen Jugendtrainers erinnert an die Organisation der amerikanischen High School à la Hollywood, wo ein Coach für jede Sport – Sparte Angestellter der Schule ist, bei der akademischen Zukunft über Noten und Stipendien, Kontakte zu den Universitäten und Profivereinen mitreden kann und die sportliche Leidenschaft in den Schulalltag integriert wird.

    Bei der Vielfalt der Angebote und der damit verbundenen Fachkompetenz wäre es ja dann ein ganzer Trainerstab, der fast ein eigenes Kollegium bilden müsste – und damit erst recht nicht finanzierbar.

    Mal ganz abgesehen von der an vielen Schulen herrschenden Meinung der Sportpädagogen, das gerade Handball im Unterricht “zu brutal” und “zu komplex” ist, um adäquat vermittelt werden zu können (was mir als Schüler, Spieler und Trainer seit 30 Jahren begegnet).

    Ich habe auch die Angebote der “professionellen Handballcamps” zu Gesicht bekommen – aus 10 Dörfern/Kleinstädten werden bis zu 120 Kids vom Anfänger bis zum Vereinsspieler mit Ferienkindern in einen Sack gesteckt, eine Woche bunt durchgemischt, bzw. “nach Fertigkeiten gruppiert” und dann “leistungsgerecht handballerisch gefördert” – meist für über 150€ pro Kopf, Teilnehmershirt inklusive. Das Leistungsgefüge innerhalb eines Vereinsjahrgangs ist für viele Trainer schon ein gekonnter Balanceakt zwischen Ausbildung, Überfordern und Langeweile, je nach Fähigkeiten des Einzelspielers – und das soll in einem Camp besser laufen ? Oder soll es eine “handballerisch orientierte Spaßwoche” sein ?

    Es wird also meiner Meinung nach in absehbarer Zeit keine realistisch umsetzbare Lösung für diese Entwicklung geben, lasse mich aber gern eines Besseren belehren.

    Für die Vereine der unteren und mittleren Leistungsklassen, die um jedes Mitglied fast schon betteln müssen, auf jeden Fall eine Riesenherausforderung…

    • Torsten Antworten

      Also Sven , ohne Dich angreifen zu wollen – ich verstehe das hier als Forum der respektvollen Diskussion um unseren Sport und seine Probleme und Aufgaben , so beißen sich für mich zB. die Worte “Entwicklung” und “Bildungssystem” . Ganz ehrlich …… was hat sich denn da “entwickelt” ?
      Bespaßung von Kindern und Jugendlichen die es wichtiger und interessanter finden Pokemons zu jagen , die Freizeit und deren Gestaltung als Aufgabe der Erwachsenen empfinden , Eingrenzungen und Regeln im Umgang mit anderen aber als Bevormundung und unnütze Beschneidung ihrer Freiheiten sehen , die Nachmittags TV und Facebook als Ihre Realität verstehen und denken sie würden mit nem bestandenen Abi und ner grade so bestandenen Ausbildung gleich nen Porsche fahren und 5000€ Netto verdienen . Ist das die ” Entwicklung in unserem Bildungssystem “,oder ist das die Auswirkung des stressigen “Ganztagsunterichts und der schwindende Freizeit” , von der Du sprichst ?
      Für mich war Freizeit auch erst immer nach erledigten Hausaufgaben , meinen Pflichten und meinem Hobby meiner Leidenschaft meinem Sport . Na und ….. ?
      Was wär denn so verkehrt daran das “System” umzukrempeln , oder anders gefragt , wärst Du lieber 1980 oder heute Kind ? Was ist wichtiger , “Werte und Regeln” oder “Freizeit-Freiheit-Fun” , “ich bin doch nicht blöd” , “geiz ist geil ” ,
      “das kost do fast garnichts” ????? Dh. nicht das ich nicht auch gewisse Schwierigkeiten sehe und ja Hallenprobleme ( ua. ) sind eine , aber wenn man daraus eine gemeinsame Aufgabe macht und alle an einem Strang ziehen würden , wäre ziemlich viel ziemlich gut lösbar .

  5. Marcus Antworten

    Hallo Vicky,

    dein Ansatz ist sehr gut nachvollziehbar…ist doch zumeist die Unterschrift oder Einwilligung Jugendtrainer zu werden einem Freibrief zur Geißelung durch den Vereinsvorstand gleichzusetzen. “So aufwendig sind die Uniprüfungen / Zwischenprüfungen doch nicht…Tausch die Schicht doch, wir haben sonst keinen”, sind Sätze, die man in den Vereinen gegenüber einstmals freiwilligen Trainern nur zu oft hört. Vereinsvorstände sehen ihre Aufgabe lediglich in der Besetzung der Posten und danach sind die Betroffenen meist allein auf weiter Flur, ohne wirklich einen Gegenwert dafür zu sehen.
    In vielen Vereinen wird das Amt des Jugendwartes /-Koordinators obligatorisch zwar besetzt, jedoch fragt man sich gern, vor allem im unteren Leistungssegment, welche handballspezifischen Aufgaben dieser eigentlich hat. Okay…auch hier kann man ohne Bezahlung nur wenig erwarten.
    Wo wir bereits beim nächsten Punkt wären, die Bezahlung: Bereits in der 5./6. Liga sind ausreichend Gelder da um sich Spieler aus dem Ausland anzulocken oder des eigenen Vereins zu halten, indem dementsprechende “Aufwandentschädigungen” gezahlt werden. Wenn die Dame oder der Herr mit dem Rad innerhalb von fünf Minuten zur Halle kommen kann, frage ich mich doch stark ob das 200 Euro pro Monat wert ist. Auf der anderen Seite wird hier immer über eine gewisse Geldnot geklagt, welche dann scheinbar doch ein hausgemachtes Problem ist. Aber das mit den Spielergehälter bekommt man ja auch in oberen Spielklassen vereinzelt nicht so wirklich in den Griff (“Moin, Moin in die Hansestadt”).
    Warum denn nicht die Schnittstelle zwischen Jugend- und Erwachsenenbereich professionalisieren und das Geld bei den Söldnern einsparen. Der sportliche Kredit wird sich sicherlich erstmal bemerkbar machen, jedoch ist es somit eher möglich mittelfristig eine einheitlich ausgebildete Jugend heranzubilden.
    Zur Umsetzungsidee:
    Der Jugendkoordinator (professionelles Glied) ist das Bindeglied zwischen Erwachsenen- und Jugendbereich, arbeitet eng mit deren Trainern zusammen und koordiniert vor allem eine handballerische Einheit im Unterbau des Vereins. Darüber hinaus kann dieser als Springer einzelne Trainer im Falle der Abwesenheit ersetzen. So entsteht in einem Verein eine Spielphilosophie und ein Trainer ist durch den anderen zeitweise ersetzbar (Urlaub, Krankheit usw.). Der Jugendwart stellt somit das handballerische Sprachrohr der Flaggschiffe dar (1. Männer, 1. Damen). Die Kommunikation zu den Landestrainern kann durch diesen ebenfalls gewährleistet werden.
    Dieser Jugendkoordinator eines Vereins sollte dann mit einem vergüteten Arbeitsvertrag ausgestattet werden um Rechte und Pflichten sowohl des Vereins als auch der Person festzulegen (Arbeitsstunden usw.). Die ehrenamtliche Arbeit der Jugendtrainer könnte damit erhalten bleiben und es gäbe etwas mehr Handlungssicherheit für alle.

    Im Privaten schauen auch alle, dass sie ihr Geld langfristig gewinnbringend anlegen – warum dann hier das Geld eines Vereins in ertraglose “Möchtegern”-Profis stecken. Die Jugendarbeit erst gibt dem Vereinsleben Seele – nicht das Bier danach.

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