Auf einem Dinosaurier in die Zukunft?

Die 3:2:1-Abwehr ist ein Abwehrsystem der 1980er Jahre und steht dennoch im Zentrum unserer Jugendausbildung. Können wir mit diesem Handball-Dino noch unsere Spieler von morgen ausbilden?

Mehr als drei Jahrzehnte ist es inzwischen her, dass insbesondere Jugoslawien – ein Land, das längst nicht mehr existiert – diese Abwehr prägte und mit ihr erfolgreich war (Olympiasieger 1984, Weltmeister 1986). Seit einigen Jahren nun steht dieses Abwehrsystem im Zentrum unserer Nachwuchsausbildung. Zunächst als Pflicht für die Landesverbandsteams hat die 3:2:1 mittlerweile den Status der Wettkampfvorgabe für die C-Jugend erlangt.

Wenn es darum geht, die Vorzüge der 3:2:1-Abwehr für die Nachwuchsschulung zu untermauern, werden Argumente wie klare Aufgaben und Regelbewegungen für die einzelnen Abwehrpositionen bemüht. Doch genau hier liegt der Hase im Pfeffer. Eine klassische 3:2:1-Abwehr, wie sie auch in der Trainerausbildung immer noch vermittelt wird, arbeitet ein klar definiertes Muster ab. Im Zentrum der Schulung steht das Einschleifen der Positionierungen und Bewegungswege, abhängig vom Ballort: Wenn der Ball da ist, stehst du hier – wenn der Ball dort ist, gehst du dahin.

Was in einem solch strukturierten Abwehrsystem geschult wird, ist taktische Disziplin. Was jedoch auf der Strecke bleibt, ist das Lesen des Angriffsspiels, das Bewerten der Situationen und das Treffen von Entscheidungen – unter Berücksichtigung der eigenen Fähigkeiten, der der Mitspieler und der des Gegners. Muss ich jetzt in die Sicherungsposition zurück oder kann ich in den Passweg gehen? Welche Angriffswaffen hat mein Gegenspieler und wie agiere ich am besten dagegen: Raum, Timing, Kontakt? Was macht mein Nachbar und welche Aufgaben ergeben sich für mich daraus?

Modernes Abwehrspiel basiert auf Wahrnehmung, Antizipation und situativen Entscheidungen des einzelnen Spielers. Es geht darum, einen Angreifer und einen ganzen Angriff immer wieder unter Druck zu setzen, Waffen zu entschärfen und Fehler zu provozieren. Programmierte Regelbewegungen, die um des Systems willen ausgeführt werden, befähigen unseren Nachwuchs nicht zu einer solchen Spielweise und sind zudem für den Angriff leicht ausrechen- und nutzbar.

Es wird Zeit, dass wir auch im Verständnis und der Schulung von Abwehr endlich die Perspektive wechseln. Analog zu den Auslösehandlungen des Angriffs sollte ein Abwehrspiel aus den verschiedenen Kooperationen in der Kleingruppe (vorrangig 2er Gruppe) gedacht werden. Den Hauptintentionen des Angriffs (Stellungsvorteil im 1 gegen 1, Überzahl im Sektor, Gleichzahl auf großem Raum) sind die Leitziele der Abwehr entgegen zu setzen: Stellungsvorteil im 1 gegen 1, Überzahl im Ballsektor, Gleichzahl auf kleinem Raum.

Für ein solch zukunftsorientiertes Abwehrspiel und parallel zu den Entwicklungen im Angriff muss der Fokus eindeutig auf der individuellen Ausbildung der Abwehrspieler liegen: Athletik, Technik und vor allem Taktik.

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